Nahe Ferne

Juni 19, 2008

Mein bester Freund heißt momentan google und mein Lieblingssport ist surfen. Was würde ich ohne mein geliebtes weltweite Netz tun?

Selbstfotografie als Form der Beschäftigungstherapie

Hier in der Redaktion herrscht gerade ein Sommerloch. Neben dem Nichtstun, tu ich mich abwechselnd langweilen und fadisieren. Beim bösen Blick aus dem Fenster verrät mir die Sonne, dass es heute verdammt heiß sein muss. Aber davon krieg ich ja in den stickigen Büroräumen verdammt nochmal nichts mit.

Nachdem ich an meinem kühlen Wasser genippt habe, schließe ich kurz die Augen und stelle mir vor, wie toll es jetzt daheim sein könnte, die Füße im kühlen See zu hängen und mit einem Glas Mojito auf die Freiheit anzustoßen. Ich öffne seufzend die Augen. Sudern hilft eh nix, erst ab Fünf kann hier die Flucht eingeschlagen werden. Und wenigstens vereint das Nichtstun meinen Traum mit der Realität. Ich beschließe also, das Beste daraus zu machen und in die virtuelle Welt einzutauchen.

Studi-VZ, Facebook, Xing – ich bin mittlerweile bei allen Plattformen Stammbesucher und Meisterdetektiv in alte Bekannte aufspüren. Die elendslangen Freundschaftslisten verraten jedem, der es will, dass ich zurzeit zu viel Zeit zur Verfügung habe. Die Fotos der durchzechten Nächte beweisen, dass ich doch nicht so ein braver Mensch bin, wie ich tagsüber tue – ich hoffe, ich habe jetzt nicht eure Neugierde geweckt – und ich danke zu Gott, dass meine beste Freundin – wie angekündigt – die karrierevernichteten Fotos à la Paris Hilton nicht der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Da ich – wie erwähnt – ein braver, aber vor allem auch positiv eingestellter Mensch bin, will ich über all die Peinlichkeiten, die diese Foren ans Tageslicht bringen, hinwegsehen und meinen Fokus auf die vielen guten Seiten dieser Form von Beschäftigungstherapie richten. Ich verdanke diesen Plattformen das Aufrechterhalten vieler Freundschaften. Global gesehen ist da beispielsweise mein deutscher Freund, der gerade in Neuseeland verweilt um dort angeblich zu studieren, aber am liebsten wegen der EM ortstechnisch mit mir tauschen würde. Gott, ist die Welt ungerecht. Wann wird denn endlich ein Beamer erfunden?

Da wäre auch meine Freundin aus der Schweiz zu erwähnen, die gerade ein Freiwiligenjahr in Costa Rica und Nigeria absolviert. Bereits beim Schreiben dieser beiden Länder läuft mir das Wasser im Mund zusammen. ICH WILL WEG, also schnell Themenwechsel bevor ich sentimental werde.

Naja, bleiben wir bei den distanzmäßig überschaubaren Freunden. Da ist mir gestern was Lustiges passiert: Schreibt mich doch glatt mein kleiner Cousin an. Neben der Entdeckung, dass ich schön langsam echt alt werde, mache ich eine weitere. In seinem Gästebuch lese ich einen Eintrag meiner kleine Kusine, die sich – den Fotos nach zu schließen – als eine kleine Partytigerin entpuppt. Krieg ja davon nix mit – seh die Gute ja nur immer in weißem unschuldigen Blüschen gekleidet auf der ein oder anderen Verwandtschaftsfeier. Und da ist sie immer ganz ruhig, jetzt weiß ich endlich warum.

Die „Wow-Rufe“ sind bei mir sicher nicht falsch angebracht, wenn ich jetzt erwähne, dass ich nebst meiner Bravigkeit und meines Positivisums auch noch Bügeln und Kochen kann. Und das schätzt niemand mehr als meine größte Errungenschaft dieser Plattformen: mein Freund. Xing hat mich mit der Liebe meines Lebens wiedervereint. Ironischerweise schimpft diese darüber, dass ich mich auf solchen Plattformen herumtreibe.

Auch wenn das jetzt nicht nach einer wahnsinnig intellektuellen Begründung klingt, mir machts trotzdem Spaß und deswegen bleib ich dabei. Wer weiß was das Netz so in den nächsten, der von Fadigkeit geprägten, Tage bringt.

In diesem Sinne auf dass es bald Fünf ist.

Tazige Grüße

P.S.: „Nahe Ferne“ heißt übrigens auch der Titel des Theaterstücks meiner Schauspielfreundin Teresa. Mehr Infos: blackbox

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