Warum ich keine Schauspielerin sein will
Juli 14, 2008 at 7:50 nachmittags Hinterlasse einen Kommentar
Hättest du mich als Kind gefragt, was ich einmal werden möchte, hätte ich wie aus der Pistole geschossen geantwortet “Schauspielerin oder Journalistin”.
In Deutsch war ich nie eine Leuchte und meine Lehrerin war von menien ersten Schreibversuchen weniger begeistert, doch das Verfassen von Texten bereitete mir sehr viel Freude. Deshalb schlug ich schließlich den Weg als Journalistin ein. Im Hinterkopf behielt ich aber jahrelang den Wunsch vielleicht eines Tages doch noch eine Ausbildung als Schauspielerin zu absolvieren. Erst viel später vergrub ich durch ein prägendes Erlebnis diesen Traum.
„Würdest du für meinen nächsten Dreh eine Statistenrolle übernehmen?“, fragt mich die nette Redakteurin Sabrina in meiner ersten Praktikumswoche bei einem TV-Unternehmen. Meine Augen leuchten, auch wenn mich das Thema des Beitrags ein wenig stutzig macht. Es lautet nämlich „Was passiert, wenn die Menschheit ausstirbt?“. Doch vom Enthusiasmus beschwingt, sage ich Sabrina zu, ohne viel zu hinterfragen.
Gespannt sehne ich mir den Dreh heran, und ich muss nicht lange warten. Schon drei Tage später sitze ich mit Sabrina, ihrer Assistentin, zwei weiteren Statisten, der Visagistin und zwei Kameramännern im weißen Kleinbus, die mit den roten Logos der Wissenschaftsserie „Welt der Wunder” bestückt sind. Wir fahren schon eine halbe Ewigkeit irgendwo durch eine gottverlassene Gegend außerhalb Münchens. Da wir kein Navigationsgerät im Bus haben, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir uns verfahren haben. Doch plötzlich bleiben wir mitten im Wald stehen. „So, hier wären wir“, verkündet Sabrina freundlich und wie immer mit einem breiten Grinsen im Gesicht, das die Ernsthaftigkeit ihrer Aussage anzweifeln lässt. Als sie aussteigt und Assistentin und die beiden Kameramänner ihr folgen, weiß ich, dass sie keinen Scherz gemacht hat. Aus den verblüfften Gesichter der beiden anderen Statisten zu schließen, müssen die beiden ähnlich wie ich darüber denken.
Trotz Thermojacke ist es draußen bitterkalt. Zum Glück entscheidet sich die Visagistin, uns im Bus zu verwandeln. Sie bereitet ihre vielen Schminkutensilien vor – die dominierenden Farben der vielen Farbdöschen sind Weiß und Blau. Nachdem sie mit dem Pölsterchen in die weiße Puderfarbe getaucht ist, schaut sie uns drei alle an und bleibt bei mir hängen: „Du wirst die Leiche.“ Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Meinen ersten Kameraauftritt habe ich mir immer ein wenig glamouröser vorgestellt. Doch dann erinnere ich mich daran, wie ich erst unlängst in der Zeitung gelesen habe, dass viele große Schauspieler mit ihrer Rolle als Leiche ihren Durchbruch schafften. Vielleicht ist das mein Sprungbrett.
Als ich eine Stunde später in den Spiegel sehe, erschrecke ich selbst. Die Verwandlung ist gelungen: Mit meiner kreidebleichen Gesichtsfarbe, den blassen Lippen, den nachgezeichneten blauen Adern an den Schläfen und den strohigen grauen Haaren sehe ich tatsächlich richtig tot aus. Ich öffne die Schiebetür des Kleinbusses und ein unangenehmer kalter Wind bläst mir um die Ohren.
Das Set ist bereits aufgebaut. Die nahezu unbewohnte Gegend mit der betonierten Waldstraße ist in eine Geisterszenerie verwandelt. Überall am Boden liegt Müll, angefangen von Papierfetzen und ein zertrümmertes Kinderspielzeug bis hin zu einer zerbrochenen Brille und Glasscherben. Die Straße deutet – wie von Sabrina geplant – an, dass es hier nicht viel Lebendiges gibt. Das Wetter riecht nach Schnee und verleiht dem Set noch zusätzlich einen trüben Touch. Das Einzige, was in dieser Szenerie noch fehlt, ist die Leiche. Doch die scheint wetterbedingt nach und nach ihre Motivation zu verlieren.
„Wow, du bist ja echt zum Fürchten“, lobt Sabine die Arbeit der Visagistin und betrachtet mich von allen Seiten. „So, ich nehm dir jetzt die Jacke ab und du legst dich Bauch voran auf die Straße.“ Abermals glaube ich, dass die Redakteurin einen Scherz macht, doch auch dieses Mal täusche ich mich. „Komm schon! Wir wollen ja nicht warten, bis es zu schneien beginnt. Das macht die ganze Angelegenheit noch kälter“, treibt sie mich mit einem unterstützenden Klaps auf mein Hinterteil ein wenig an. Etwas perplex gebe ich ihr die Jacke und lege mich auf die Straße. „Die Beine leichen-like wegstrecken“, lautet Sabrinas Anweisung. Mein Körper wird wie von einem elektrischen Schlag durchzuckt, als ich mich auf die vereiste Straße lege. Am liebsten würde ich aufspringen, doch ich beiße durch. Schließlich wollte ich ja immer Schauspielerin werden. Klar, dass der Beruf kein Zuckerschlecken ist, sonst würde es ja nur Schauspieler geben. „Denk an was anderes“, feuere ich mich selbst an. Die eine Hand, dessen Handfläche am bitterkalten Boden liegt, zeigt bereits schmerzhaft erste Erfrierungserscheinungen. Sie fühlt sich an, als würden kleine Reisnägel in sie hinein piksen. Da sie mit dem weißen Puder angemalt ist, sehe ich nicht, ob sie bereits blau ist. Klimatisch gesehen habe ich bereits einiges mitgemacht, doch selbst Schifahren bei Minus zehn Grad und Schneesturm war ein „Lercherlschaß“ gegen diese Kälte, die ich gerade im bewegungslosen Zustand ausstehe. Ohne übertreiben zu wollen, habe ich noch nie zuvor so gefroren. Die Puderschichtmacht das ganze noch zusätzlich ein wenig kälter, da es gar nicht mehr möglich ist, das Gesicht aufzuwärmen, wenn es erst einmal unter der dicken Schminke kalt ist. Zum Glück habe ich den Weg als Journalistin eingeschlagen.
„So, jetzt nicht bewegen“, lautet eine weitere Anweisung von Sabrina, nachdem ich bereits mindestens eine halbe Stunde regungslos am Boden gelegen habe. Blöderweise kann ich gar nichts tun, ich scheine die Kontrolle über meinen Körper verloren zu haben, denn er bibbert von alleine – so als hätte ich Parkinson im Endstation. Ich beweise Körperbeherrschung pur, indem ich meine Hände und Füße gegen den kalten Boden presse, damit sie nicht zittern, und gebe mein Bestes um dabei einen emotionslosen Gesichtsaudruck zu machen.
„Ist im Kasten!“, höre ich den erlösenden Ruf des Kameramanns. Ich brauche ein paar Anläufe um meinen halb gelähmten Körper überhaupt zu bewegen. In einer filmreifen Rettungsszene läuft Sabrina mit einer dicken Decke und einem dampfenden Tee zu mir.
Meine Eltern können sich vor Lachen kaum auf der Couch halten, als ich auf dem Bildschirm erscheine. Zugegeben, ich sehe lustig aus, wie ich da auf dem Boden liege mit meinen Fellstiefeln. Und erst mein Gesichtsausdruck – den Mund ein wenig geöffnet, mein Blick ins Nirwana. Trotz dieses Anblicks und meinem Hang zur Selbstironie ist mir alles andere als zum Lachen zu Mute. Ich bin exakt fünf Sekunden zu sehen – zunächst eine Ganzkörperaufnahme von der Vogelperspektive, dann zoomt die Kamera an mich heran, bis schließlich nur noch meine Hand groß am Bildschirm mit den vielen nachgezeichneten blauen Adern zu sehen ist.
Auf dem Bildschirm ist es schwarz. Den Traum Schauspielerin zu werden, habe ich mit diesem Tag begraben, obwohl ich meine Sache nicht schlecht gemacht zu haben scheine, denn ich werde von Sabrina erneut „gebucht“. Dieses Mal erkundige ich mich allerdings genau über den Dreh. Nachdem sie mir versichert, dass ich Kellnerin in einem warmen Fünf-Sterne-Hotel spielen darf, sage ich zu.
Vor der Kamera möchte ich nicht mehr stehen. Ich habe gesehen, dass das ein knochenharter Job ist, der mit viel Warterei verbunden ist. Dafür bin ich auf dem besten Wege, das Schreiben professioneller zu betreiben – Leichen sollen in Zukunft nur mehr in meinen Romanen vorkommen. Die Ideen für mein erstes Buch schwirren bereits in meinem Kopf und es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis diese zu Papier getragen werden.
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